EINE ENTFÜHRUNG IM PARADIES
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KAPITEL 10 – DIE KALTE HÖLLE

Angrenzend an das unheimliche Labor befand sich ein riesiger Raum, dessen Wände mit großen, verstaubten Spiegeln bedeckt waren. Überall hingen kleine Schilder. Die einsprachigen Aufschriften im dämonischen Dialekt konnte Henri Toutrec mühelos entziffern. Er übersetzte für die anderen: Lasst eure Sünden nicht überall herumliegen. — Behandelt eure Verdammten mit Genuss. — Räumt die Sünder nach Gebrauch wieder ins Chaos zurück. — Für eine vorbildliche Hölle: Denkt an Qualität und krankhafte Produktivität. — Verrat heißt, den schmutzigen Füßen des Generals einen blutigen Zungenkuss zu geben.

Sie brauchten nicht lange, um zu begreifen, dass sie sich im Schlafzimmer … des Präsidenten der Hölle … Rose des Vents befanden. Dort stand ein Himmelbett im Stil von Rokoko-Barock-Kitsch – alle Stilrichtungen aller Epochen in einem einzigen Möbelstück vereint. Keiner wagte es, sich auf das Lager des Generals zu setzen oder es auch nur zu berühren. Der Engel hätte es als unrein empfunden. Tonton Maxime fand, dass es schlecht roch. Henri sah die schmutzigen, fleckigen Laken. Marilyn missfiel die widersprüchliche Mischung der Stile.

Da sie sich allein an diesem verbotenen Ort befanden, begannen sie, den Raum genauer zu untersuchen. Es gab dort noch weitere Möbelstücke mit einem leichten Schwefelgeruch, wie ein kaum erträgliches Parfum. Chaiselongues, Sofas, Liegesessel – alles war auf Bequemlichkeit ausgerichtet. Dahinter hingen sehr lange, purpurrote Samtvorhänge, die leicht geöffnet waren. Schnell entdeckten sie auf einer alten Werkbank aus vom Zahn der Zeit gezeichnetem Holz ein Buch, so groß wie ein Tisch für vier Personen. Auf dem rosafarbenen Ledereinband entzifferte Henri eine Aufschrift in roter Tinte: „Lies dieses Tagebuch nicht! Sonst schlage ich dir mit meinem heißen Keramikschläger auf den Hintern!“ Unterschrift … Rose des Vents.

Tatsächlich gab es ein Schloss, um die kleinen Teufel am Lesen zu hindern. Doch in seiner Eile, das Paradies zu überfallen, hatte Rose des Vents sein Tagebuch unverschlossen liegen lassen.

Henri öffnete das Buch mit großer Vorsicht. Er blätterte die Seiten diagonal durch, auf der Suche nach etwas Kompromittierendem über den Präsidenten der Hölle. Doch zunächst fand er nur Prahlereien.

– Ach! Schaut mal … sagte er und lenkte die Aufmerksamkeit auf ein paar Worte in winziger Schrift. „Heute Abend hatte ich den stärksten Orgasmus meines Lebens. Ich habe heimlich masturbiert, ohne Geschlechtsverkehr, während ich Michelangelos David betrachtete. Das Modell, das posierte, ohne erigiert zu sein.“

– Seht nur hier! rief Henri, als könnten seine drei unglücklichen Gefährten erraten, was dort geschrieben stand.

– Was steht da noch, Henri? fragte Marilyn neugierig und trat etwas näher an den Übersetzer heran.

– „Ich habe mich vor meinen kleinen Teufeln versteckt, um Pferdemist zu essen, den ich von der Schlacht bei Waterloo mitgebracht habe, und zwar von allen Seiten.“

– Und hier, unten in der Ecke der Seite! Da sieht man das Bild eines kleinen aufgeklebeten Papierengels. Offenbar hat er doch eine sanfte Seite. Aber er versteckt sie gern, bemerkte Pelures de Patates, amüsiert von diesem Detail.

– Ich glaube, wir haben etwas Interessantes aufgespießt! Was sage ich?! Gefunden. Nehmen wir dieses riesige Buch mit in mein schönes Nichts, um Rose des Vents damit zu konfrontieren.

Marilyn, die ein feines Gehör und eine starke Intuition besaß, flüsterte den anderen zu:

– Ich höre die Teufel zurückkommen. Schnell, fliehen wir durch diese Tür links von der Werkbank.

Im nächsten Augenblick hatten sie die Schwelle überschritten. Allerdings nicht, ohne dass Tonton Maxime das Tagebuch des Sonderlings an sich nahm. Ebenso wenig, ohne dass Henri eine Voodoo-Puppe mitgehen ließ, die dort in der Nähe lag, neben dem großen, widerwärtigen, bedeutsamen und unmoralischen Buch. Es war eine hübsche Puppe, die mit vielen kleinen Nadeln übersät war. Bevor er den angrenzenden Raum betrat, zog Henri vorsichtig einige Nadeln heraus und ließ sie auf den gläsernen Boden fallen. In diesem Augenblick hellte sich die Decke der Hölle auf, was alle überraschte. Dann entfernte er weitere Nadeln, ohne unmittelbar etwas zu bemerken. Doch mit jeder herausgezogenen Nadel verschwand irgendwo auf einem Planeten eine religiöse Zeremonie, eine Sekte oder eine krankhafte Tradition, etwa weibliche Genitalverstümmelung oder Hexenverfolgung.

Einvernehmlich trafen sie die riskante Entscheidung, die Hölle noch weiter zu erkunden. Schließlich betritt man sie nur selten freiwillig. Sie durchquerten ein Gewirr aus Tausenden von Förderbändern, auf denen unzählige ungleiche Koffer zirkulierten. Jeder war mit einem Namen und einer Zusammenfassung des Lebenswegs seines Besitzers versehen. Es war, als fassten diese Koffer die Leben all jener zusammen, die an diesem letzten Ort gestrandet waren, an diesem heißen Endpunkt. Daneben gab es Botschaften für kleine Dämonen, konservierte Sünden, schlechte Taten zum Konsum ohne Versuchung und vieles mehr. Alles wirkte wie ein riesiger, grotesk überdimensionierter Flughafen voller reisender Bosheit.

Die Gefährten fühlten sich zunehmend bedrängt, beunruhigt und gestresst von diesem unaufhörlichen Lärm. Und doch lief im Hintergrund ununterbrochen Musik. Sie hatte etwas Eindringliches und Hypnotisches. Noch erstaunlicher war, dass eine besondere höllische Technik es ermöglichte, sie trotz des allgemeinen Getöses vollkommen klar zu hören.

– Wer hätte das gedacht? An diesem Ort gibt es Musik! bemerkte Henri.

Der musikalische Inhalt bestand aus kleinen Liedchen mit schmalzigen, einschläfernden Melodien, gesungen und kommentiert von ein und derselben grauenhaft falschen und kratzigen Stimme. Das einzigartige Timbre des Sängers ließ die Eindringlinge schaudern und die Zähne zusammenbeißen, zumal seine Einwürfe ständig wiederkehrten. „Sie haben soeben meine neuesten Kompositionen gehört. Der Reihe nach: ein Funken am Gesäß … ein wenig Schwefel schadet meinen Nüstern nicht, und zum Abschluss dieses Blocks … mein kleines Lustloch. Der erste kleine Teufel, der zu mir kommt und es schafft, mir den Schwanz zu lutschen, erhält die Chance, am großen, im Voraus manipulierten Wettbewerb teilzunehmen. Der Jackpot besteht aus einem entzückenden, erhabenen Mahl. Dies gemeinsam mit meiner glorreichen und fantastischen Person, bei dem wir aus demselben Becher flüssigen Schattens im Paradies trinken werden. Ich erinnere daran, dass die Verdammten von der Ziehung ausgeschlossen sind. Bringt sie also nicht mit.“

Die ausgestrahlte Stimme war eindeutig die von Rose des Vents.

Plötzlich lief eine ganze Gruppe von Dämonen nur wenige Schritte entfernt an ihnen vorbei. Sie rannten, um sich General Rose des Vents im Paradies anzuschließen und an dem verlockenden Wettbewerb teilzunehmen. Es waren die letzten Vertreter des Bösen in der Hölle – ohne dass die vier ungleichen Gefährten dies ahnten.

Aus dem Augenwinkel hatte Henri jedoch ein aufschlussreiches Detail bemerkt. Die Flammen, die den kleinen Dämonen aus den Taschen entwichen, interessierten sie plötzlich nicht mehr. Die Hölle wurde vollkommen leer von ihren Peinigern.