HEART OF FABRICS
NOVEL
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KAPITEL II - DIE ERÖFFNUNG

Louise Lang kam mit zwölf Minuten Vorsprung vor ihrer eigenen Angst vor der 4357 Saint-Denis an.

Sie blieb einen Augenblick reglos auf dem Gehweg stehen, den Schlüsselbund in der rechten Hand, die Tasche an der Hüfte, den Terminkalender unter dem Arm. Die Straße war noch nicht ganz erwacht. Einige Autos fuhren mit jener Trägheit der Sonntagmorgen vorbei, die benachbarten Schaufenster spiegelten ein blasses Licht, und die ersten Spaziergänger des Viertels schienen in der Luft nach einem Grund zu suchen, langsamer zu gehen.

Vor ihr glänzte die Fassade der Boutique in neuem Glanz.

HERZ AUS STOFFEN

Die goldenen Buchstaben, am Vortag von einem gewissenhaften und etwas redseligen Handwerker gemalt, schienen noch zwischen Geschäftsschild und Liebeserklärung zu zögern. Louise hatte lange am Namen gezweifelt. Zu weich? Zu naiv? Zu weiblich? Zu leicht verspottbar von jenen, die in einem Kleidungsstück nur einen Preis, eine Gewinnspanne und eine Gelegenheit sehen, sich zu zeigen?

Dann, eines Morgens, hatte sie aufgehört zu zweifeln.

Herz aus Stoffen.

Genau das war es. Das Herz, weil sie etwas anderes verkaufen wollte als Konfektionskleidung. Der Stoff, weil es im Material ein Gedächtnis gibt, das eilige Menschen nicht ahnen. Kleider bewahren etwas von den Frauen, die sie tragen. Sakkos nehmen die Haltung der Männer an, die sie aufrichten. Schals kennen die Geheimnisse der Hälse. Selbst ein einfaches Futter kann zum Geständnis werden.

Louise lächelte.

— Gut. Los geht’s.

Sie steckte den Schlüssel mit der aufmerksamen Langsamkeit eines Menschen ins Schloss, der versucht, einen Safe zu öffnen. In ihrem Geist enthielt diese Geste mehr als nur Mechanik. Sie öffnete nicht nur eine Tür. Sie trat in eine mögliche Version ihrer selbst ein.

Der Schlüssel drehte sich.

Das Klicken war klar.

Das Passwort war soeben akzeptiert worden.

Drinnen war alles bereit. Oder beinahe.

Die Kleiderständer nahmen ihre Plätze mit strategischer Eleganz ein. Die langen Kleider, nach Farbtönen geordnet, fielen wie lautlose Kaskaden herab. Die kurzen Jacken, frecher, warteten auf hellen Holzkleiderbügeln. Die Blusen waren nach Stimmungsfamilien geordnet: brav, leicht, kühn, professionell, gefährlich. Louise liebte diese geheime Klassifizierung. Niemand würde sie je im Inventar sehen, aber sie erlaubte ihr, ihre Boutique wie ein Theater zu denken.

Nahe dem Schaufenster trugen drei Schaufensterpuppen bereits die Stücke, die sie für die Eröffnung ausgewählt hatte.

Die erste, leicht zur Straße gedreht, trug ein cremefarbenes Ensemble, schlicht und beinahe aristokratisch. Die zweite, jünger in der Anmutung, zeigte ein nachtblaues Kleid, dessen Schnitt für eine Frau entworfen schien, die beschließt, sich nicht länger dafür zu entschuldigen, dass sie existiert. Die dritte, etwas weiter hinten aufgestellt, war mit einem roten Kleid mit fließenden Ärmeln bekleidet.

Louise näherte sich dieser letzten Schaufensterpuppe.

— Du wirst den Schüchternen Angst machen, murmelte sie. Das ist sehr gut.

Sie richtete die Linie eines Ärmels. Steckte eine Nadel neu. Trat einen Schritt zurück.

Nein. Nicht ganz.

Sie kam zurück. Verschob die Puppe um einige Zentimeter zum Licht hin. Diesmal fing das Kleid die Morgensonne ein und benutzte sie als Komplizin.

— So.

Sie hatte nie an Dinge geglaubt, die zufällig gelingen. Sie glaubte an Arbeit. An Listen. An Berechnungen. An Lieferanten, die man dreimal erinnert. An Budgets, die bis zur Erschöpfung geprüft werden. An Details, die niemand bemerkt, die aber verhindern, dass Katastrophen geschehen.

Mit neununddreißig Jahren besaß Louise den Geist einer Geschäftsfrau und das Auge einer Künstlerin. Der erste erlaubte ihr zu überleben. Das zweite hinderte sie daran, sich vollständig zu verraten.

Auf dem Tresen lag ihr Terminkalender offen auf der Seite des Tages.

OFFIZIELLE ERÖFFNUNG — 10 UHR

Darunter hatte sie eine Liste erstellt:

Blumen vor dem Schaufenster.

Schalständer.

Kaffee / Gläser / Servietten.

Kasse prüfen.

Lieferant Nr. 2 anrufen.

Kisten annehmen.

Nicht in Panik geraten.

Jean nicht töten.

Sie las die letzte Zeile noch einmal und lächelte trotz sich selbst.

Jean Chauvet sollte vor zehn Uhr eintreffen. Er hatte es versprochen. Jeans Versprechen besaßen jedoch eine besondere Qualität: Sie waren solide, solange sie seinen unmittelbaren Interessen dienten.

Acht Monate zuvor hatte er ihr die nötigen Mittel für den Start von Herz aus Stoffen beschafft. Er hatte die Sache als Liebesgeste dargestellt, oder vielmehr als Geste des Vertrauens. Bei Jean waren die beiden Wörter austauschbar, wenn er geküsst werden wollte.

Louise ließ sich nichts vormachen.

Sie wusste, dass er vor allem an die Boutique glaubte, weil er an sie als rentablen Aktivposten glaubte. Sie hatte ihm oft geholfen, aus finanziellen Schwierigkeiten herauszukommen, Schwachstellen zu erkennen, Risiken einzuschätzen, den Schein zu wahren. Jean bewunderte ihre Intelligenz, wenn sie seinen Geschäften diente. Er fand sie weniger charmant, wenn sie ihrer Freiheit diente.

Das Telefon klingelte.

Louise fuhr zusammen.

— Herz aus Stoffen, guten Tag.

Sie empfand ein beinahe kindliches Vergnügen daran, den Namen auszusprechen.

— Louise? Ich bin’s.

Jeans Stimme hatte jene ölige Sicherheit von Männern, die sich schon vergeben, bevor sie gefehlt haben.

— Guten Morgen, Jean.

— Bist du schon im Laden?

— Natürlich. Es ist die Eröffnung.

— Ja, ja, ich weiß. Eben. Ich werde mich ein wenig verspäten.

Louise schloss die Augen.

— Wie lange?

— Nicht sehr. Vielleicht eine Stunde.

— Jean.

— Ich kann nicht anders. William Lee hat mich zurückgerufen. Es gibt ein Dokument zu prüfen. Eine mögliche Unterschrift. Du verstehst, das ist wichtig.

— Wichtiger als die Eröffnung meiner Boutique?

Ein kurzes Schweigen folgte. Jean hasste Fragen, die eine ehrliche Antwort verlangten.

— Fang den Tag nicht so an, Louise. Ich habe dir geholfen, oder nicht? Ich bin bei dir.

— Aus der Ferne.

— Ich werde da sein. Und außerdem brauchst du mich nicht, um Kleider zu verkaufen. Du bist perfekt in dieser Rolle.

Diese Rolle.

Louise betrachtete ihre Kleiderständer. Ihre Kleider. Ihr Schaufenster. Ihre neue Kasse. Ihre handgeschriebenen Etiketten.

— Das ist keine Rolle, Jean.

— Sei nicht empfindlich. Du weißt, was ich meine.

Sie wusste es sehr genau. Das war das Problem.

— Lieferanten können jeden Augenblick kommen. Schwere Kisten. Viele Kisten.

— Bitte jemanden, dir zu helfen.

— Wen?

— Deine Freundin, die Hellseherin.

— Marie-Soleil ist keine Hellseherin. Sie ist intuitiv.

— Genau das sage ich.

— Nein. Das sagst du nicht.

Jean seufzte. Diesen Seufzer kannte Louise. Er bedeutete: « Ich bin zu wichtig für diese Nuance. »

— Ich mache so schnell ich kann, sagte er. Und entspann dich. Es wird ein Erfolg. Du hast Geschmack, du hast Gespür, du hast meine Unterstützung.

Meine Unterstützung.

In dieser Formel spürte sie die kleine goldene Kette, die er ihr gern um den Hals legte.

— Bis später, Jean.

Sie legte auf, bevor er noch eine strategische Zärtlichkeit hinzufügen konnte.

Einige Sekunden später klingelte das Glöckchen an der Tür.

Louise wandte sich lebhaft um.

Marie-Soleil Myhrre trat in die Boutique, als würde sie nie durch eine Tür gehen, ohne zuerst die Geister des Raums zu begrüßen. Sie trug einen weiten Rock, ein türkisfarbenes Tuch und mehrere Armreifen, die bei jeder ihrer Bewegungen aneinanderklirrten. Mit vierzig Jahren besaß sie eine seltsame Jugendlichkeit, nicht im Gesicht, sondern in der Art, die Dinge zu empfangen. Als könne ihr nichts geschehen, ohne sofort zum Vorzeichen zu werden.

— Ich habe deinen Stress schon von der Straßenecke aus gespürt, erklärte sie.

— Dir auch guten Morgen.

Marie-Soleil öffnete die Arme.

Louise ließ sich hineinnehmen. Die Umarmung tat ihr gut.

— Er ist zu spät? fragte Marie-Soleil.

— Wer?

— Der schöne Geier.

— Jean.

— Das sagte ich doch.

Louise lachte. Dieses Lachen löste etwas in ihrer Brust.

Marie-Soleil trat zurück, um die Boutique zu betrachten.

Ihr Ausdruck veränderte sich. Ihre Augen durchwanderten die Kleiderständer, die Spiegel, die drei Schaufensterpuppen im Schaufenster, die noch zu arrangierenden Schals, die warmen Lampen, den Tresen, die hellen Wände, die eleganten Etiketten. Sie sprach nicht sofort. Das war selten. Louise war davon berührt.

— Und? fragte sie.

Marie-Soleil legte eine Hand auf ihr Herz.

— Es lebt.

— Es lebt?

— Ja. Nicht nur schön. Lebendig. Man könnte glauben, die Kleidungsstücke warten auf die Frauen, denen sie bereits gehören.

Louise spürte, wie ihre Augen leicht feucht wurden. Sie wandte den Kopf ab, unter dem Vorwand, einen Kleiderbügel zurechtzurücken.

— Du übertreibst immer.

— Ich präzisiere anders.

— Kannst du die Schals anders präzisieren? Sie widersetzen sich mir.

Marie-Soleil stellte ihre Tasche hinter dem Tresen ab.

— Mit Vergnügen. Schals sind zivilisierte Schlangen. Man muss sie zähmen.

Sie machte sich mit religiösem Ernst an die Arbeit.

Fast zwanzig Minuten lang bereiteten die beiden Frauen die Boutique vor, ohne viel zu sprechen. Louise prüfte die Kasse, die Quittungen, das Zahlungsterminal, die Taschen mit dem Namen der Boutique. Marie-Soleil ordnete die Schals nach Farben, dann nach Energie, was Louise nur deshalb akzeptierte, weil das Ergebnis großartig war.

Um halb zehn kamen die ersten Probleme.

Nicht in menschlicher Form.

In Form von Kisten.

Ein Lieferwagen hielt abrupt vor der Boutique. Zwei Männer stiegen aus und öffneten den hinteren Teil des Fahrzeugs. Ein Berg aus Kartons erschien.

Louise legte die Hand an die Stirn.

— Das ist nicht möglich.

— Was? fragte Marie-Soleil.

— Sie sollten heute nur die Hälfte liefern, die andere morgen.

Der Lieferant trat mit seinem elektronischen Tablet in der Hand ein.

— Madame Lang?

— Ja.

— Komplette Lieferung.

— Genau, sie sollte nicht komplett sein.

— Bei mir steht komplett.

— Können Sie nicht einen Teil wieder mitnehmen?

Er sah sie mitleidig an, als hätte sie gerade den Mond gebeten, am Dienstag noch einmal vorbeizukommen.

— Madame, ich liefere. Ich philosophiere nicht.

Marie-Soleil murmelte:

— Schade. Er wäre vielleicht interessant gewesen.

Bald füllten die Kisten den Eingang, dann den Bereich nahe dem Tresen, dann einen Teil des Mittelgangs. Louise unterschrieb, dirigierte, verschob, hielt ihre Panik mit schnellen Anweisungen zurück.

— Nicht dort. Links. Nein, nicht auf die Schals! Vorsicht mit der roten Schaufensterpuppe. Langsamer. Ja. Nein. Nein! Nicht vor die Umkleidekabine.

Als die Lieferanten wieder gingen, sah die Boutique weniger wie ein Geschäft aus, das zur Eröffnung bereit war, als wie ein Lagerhaus, das versucht hatte, sich als Teesalon zu verkleiden.

Marie-Soleil betrachtete das Chaos.

— Das ist sehr vielversprechend.

— Das ist katastrophal.

— Katastrophen sind Versprechen, die ihre Choreografie noch nicht gefunden haben.

— Marie.

— Ja?

— Weniger Orakel. Mehr Arme.

Sie brachen in Lachen aus und begannen, die Kisten zu verschieben.

Um zehn vor zehn trat Claire aus dem benachbarten Café mit einem Tablett voller kleiner Gläser, zwei Kaffees und einem Teller Kekse ein.

— Ich komme sehen, ob die großen Damen der Mode die Geburt überleben.

— Claire! rief Louise. Du bist ein Engel.

— Nein, ich bin eine Kellnerin mit Krampfadern. Das ist nützlicher.

Sie stellte das Tablett auf den Tresen und inspizierte die Boutique.

— Es ist schön hier. Wirklich schön. Es sieht aus, als koste es schon Geld, nur zu atmen.

— Ich hoffe, das macht Lust zu kaufen.

— Es macht Lust, besser angezogen zu sein, nur um hereinzukommen und zu schauen.

Pierrette steckte den Kopf hinter ihr durch die Tür.

— Claire! Herr Prahallis will wissen, ob du vor seiner Rente noch vorhast, wieder arbeiten zu kommen.

— Sag ihm, ich beteilige mich an der lokalen Wirtschaft.

Pierrette trat nun ebenfalls ein, wischte sich die Hände an der Schürze ab und hob den Blick zu den Kisten.

— Heilige Not. Eröffnen Sie eine Boutique oder zieht hier ein Fürstentum um?

Louise erklärte kurz die vollständige Lieferung.

Pierrette nickte mit jener praktischen Weisheit von Frauen, die ihr Leben lang gesehen haben, wie die Pläne anderer durch eine schlecht platzierte Kiste umgeworfen werden.

— Gut. Wir helfen Ihnen zehn Minuten.

— Sie müssen nicht.

— Eben. Darum zählt es.

Die vier Frauen machten sich ans Werk. In wenigen Minuten verlor das Chaos seine Arroganz. Die sperrigsten Kisten wurden ins Hinterzimmer geschoben, die dringendsten geöffnet, die verführerischsten Stücke sofort aufgehängt. Eine kurze elfenbeinfarbene Jacke entlockte Claire einen kleinen Schrei. Eine grüne Bluse ließ Marie-Soleil seufzen. Pierrette wiederum adoptierte einen pflaumenfarbenen Schal, den sie für zu schön erklärte, um ihn einer Kundin ohne Urteilsvermögen zu überlassen.

Um Punkt zehn stellte sich Louise vor die Tür.

Die Welt hatte sich nicht verändert. Die Rue Saint-Denis atmete weiter normal. Autos fuhren vorbei. Menschen gingen. Der Himmel blieb gleichgültig. Äußerlich deutete nichts darauf hin, dass der Traum von Louise Lang soeben seine Schwelle erreicht hatte.

Sie drehte das kleine Schild um.

GEÖFFNET

Das Glöckchen klingelte fast sofort.

Die erste Kundin trat ein.

Eine Frau um die sechzig, sehr gerade, silbernes Haar, hellblauer Mantel. Sie betrachtete die Boutique ruhig, dann Louise.

— Das ist neu?

— Ja. Wir eröffnen heute.

— Sie wirken nervös.

— Ein wenig.

— Das ist ein gutes Zeichen. Menschen, die zu sicher sind, verkaufen oft hässliche Dinge.

Louise lächelte.

— Dann willkommen bei Herz aus Stoffen.

Die Frau ging langsam zwischen den Kleiderständern hindurch. Sie berührte einen Ärmel, dann einen Stoff, dann einen Schal. Ihre Finger lasen vor ihren Augen. Louise erkannte diese Geste. Eine echte Kundin. Nicht nur eine Spaziergängerin. Eine Frau, die weiß, dass Material spricht.

— Dieses Kleid, sagte sie und deutete auf das blaue im Schaufenster. Kann ich es anprobieren?

Louise spürte eine so große Erleichterung, dass ihr beinahe schwindlig wurde.

— Natürlich.

Marie-Soleil, nahe dem Tresen, warf ihr einen triumphierenden Blick zu. Claire und Pierrette, die unter dem Vorwand geblieben waren, noch ein wenig zu helfen, erstarrten wie zwei Zuschauerinnen im Theater.

Das blaue Kleid verließ die Schaufensterpuppe.

Es trat in die Kabine ein.

Einige Minuten später kam die Kundin heraus.

Das Kleid stand ihr wunderbar.

Nicht wie eine Verkleidung. Wie eine Korrektur des Schicksals.

— Ich nehme es, sagte sie schlicht.

Louise blieb eine halbe Sekunde stumm.

— Perfekt. Ich bereite es Ihnen vor.

In dem Augenblick, in dem sie den Verkauf verbuchte, ihren ersten wirklichen Verkauf, spürte sie beinahe körperlich, wie sich etwas vor ihr öffnete. Kein Vermögen. Noch kein Erfolg. Eine Tür. Eine Erlaubnis.

Die Kundin bezahlte, nahm ihre Tasche und blieb vor dem Hinausgehen stehen.

— Wissen Sie, Madame Lang, ein schönes Kleidungsstück verändert kein Leben. Aber es kann manchmal Mut geben, es wiederaufzunehmen.

Louise sah sie überrascht an.

— Danke.

Die Frau ging hinaus.

Marie-Soleil beugte sich zu Louise.

— Das war keine Kundin.

— Ach nein?

— Das war ein Segen mit blauem Mantel.

Louise wollte lachen, doch ihr Blick blieb an der Tür hängen.

Auf der anderen Straßenseite war ein Mann stehen geblieben.

Pascal Pascal.

Sie erkannte ihn sofort. Der Hut. Die Feder. Der Umhang. Die Haltung eines Mannes, der sich kleidet, um seiner Einsamkeit eine Entschuldigung zu geben. Er stand vor dem Schaufenster, reglos, fasziniert zuerst vom Schild, dann von den Kleidern, dann von ihr.

Louise spürte, wie ihr Körper sich versteifte.

— Was macht er hier? murmelte sie.

Marie-Soleil folgte ihrem Blick.

— Wer?

— Der Mann aus dem Café.

— Der, der dein magisches Kleid befleckt hat?

— Ja.

Pascal bewegte sich nicht. Er las das Schild wie eine Prophezeiung. Dann bemerkte er, an die Nachbartür geklebt, das kleine Schild, das Louise noch nicht entfernt hatte.

WOHNUNG ZU VERMIETEN

3 ½ — BEHEIZT

ANFRAGEN IN DER BOUTIQUE

Louise erinnerte sich plötzlich daran, dass sie den Eigentümer des Gebäudes anrufen musste, um ihn zu bitten, diese Anzeige zu entfernen. Die Wohnung darüber war frei, aber sie hoffte auf einen ruhigen Mieter. Einen Buchhalter. Eine Krankenschwester. Eine Person, die leise geht.

Keinen Dichter mit Feder.

Draußen lächelte Pascal.

Ein winziges Lächeln, doch Louise sah es.

Dieses Lächeln sagte nicht: « Was für ein Zufall. »

Es sagte: « Ich werde in Ihre Geschichte eintreten. »

Das Glöckchen klingelte.

Pascal hatte soeben die Tür geöffnet.

— Guten Tag, sagte er und nahm den Hut mit berechneter Langsamkeit ab. Ich glaube, das Schicksal hat vergessen, ein Fenster zu schließen.

Louise starrte ihn an.

— Hier, Herr Pascal, verkaufen wir Kleidung. Keine Entschuldigungen.

— Ich komme wegen der Wohnung.

Marie-Soleil riss die Augen auf.

Claire, die endlich ins Café zurückgehen wollte, murmelte:

— Oh nein. Nicht das.

Pierrette hingegen verschränkte die Arme mit der Miene einer Frau, die diese Szene um nichts in der Welt verpassen würde.

Louise sah Pascal an, dann das Schild, dann die Innentreppe, die zur Wohnung über ihrer Boutique führte.

Ihr erster Eröffnungstag hatte kaum begonnen.

Schon erlaubte sich das Schicksal Vertraulichkeiten.

ENDE DES KAPITELS II